Nach der Keynote ist vor der Keynote

Die Keynote am 22. Oktober 2013 brachte vieles, was vorher bereits gerüchteweise als sicher galt, manches, was wenige sich dachten, aber auch einige Überraschungen. 

Auf der sicheren Seite hatten wir neue iPads, als wahrscheinlich galt der Mavericks-Launch, neue MacBook Pros mit Retina Display und viele hofften auf den Verkaufsstart des Mac Pro. 

 

 

Apple enttäuschte nicht: Gleich zwei neue iPads wurden vorgestellt, alle Retina MacBook Pros bekamen ihre wohlverdiente Haswell-Effizienzspritze, Mavericks konnte nach der Keynote sofort heruntergeladen und installiert werden und der Mac Pro wurde für Dezember angekündigt. Soweit, so langweilig. 

Doch die Keynote brachte auch einiges an Überraschungen mit und diese beziehen sich hauptsächlich auf Software.

Mavericks, iWork, iCloud und Co.

Mavericks, iWork, iCloud und iOS 7 gegen Google und Microsoft

Apple veröffentlichte sein neues Betriebssystem Mac OS X 10.9 Mavericks und gab es zum Download frei – womit niemand rechnete war, dass es künftig kostenlos sein würde. Diese Ankündigung kam selbst für Branchenkenner unvermittelt, obwohl die letzten Releases von OS X preislich schon einen Abwärtstrend gezeigt hatten. 

Apple hatte ganz offensichtlich die Software-Spendierhosen an, denn nach der Vorstellung des kostenlosen iOS 7 auf der Keynote einige Wochen zuvor und damit einhergehenden kostenlosen Apps für neue iOS-Geräte, wie iPhoto und GarageBand, Pages, Keynote und Numbers, gab es letztere für Mavericks-Benutzer ab sofort auch kostenlos bei Neukauf eines Mac, oder zum Download, wenn die Software bereits installiert war. Richtig, installiert. Das heißt, Apple ist es gerade ziemlich egal, ob die Software aus dem App Store, von DVD, oder sonst woher stammt. 

Mit der kostenlosen Software erzielt Apple Folgendes: Die Installationsbasis von iOS und OS X wird homogener und breiter. Auf allen Maschinen, auf denen bisher Mountain Lion lief, kann fortan Mavericks installiert werden. Außerdem haucht Mavericks mit seinen Energiespar- und Performance-Optimierungen älterer Hardware neues Leben ein. Es ist also damit zu rechnen, dass auch Besitzer älterer Macs das Upgrade machen werden. Und wer in den Besitz der neuen iWork-Applikationen kommen möchte, muss auch auf den 10.9-Zug aufspringen. 

Bei iOS 7 verhält es sich ähnlich: Es wird selbst vom nun drei Jahre alten iPhone 4 unterstütz. Hier macht Apple einen wesentlich besseren Job, als die Konkurrenz, die ebenfalls gerne ein „S“ in die Modellbezeichnung reinnimmt. Bei Kauf eines neuen iOS-Gerätes kommen die nun kostenlosen iLife und iWork-Apps gleich mit. 

Apple stärkt damit die eigene Plattform – Entwickler können davon ausgehen, dass, wenn sie neue Software für das neueste Betriebsystem schreiben, diese auf möglichst vielen Geräten lauffähig sein wird. Das steht im starkem Kontrast zur Android-Balkanisierung. Nur rund 50% aller Androidnutzer haben die neueste Version installiert, die andere Hälfte nutzt das zwei Jahre alte Ice Cream Sandwich, 28,5% nutzen sogar das noch ältere Gingerbread, das 2010 veröffentlich wurde:

Android-Installationsbasis

Quelle: google

Das heißt für Android-Entwickler, dass die neuesten Programmierschnittstellen maximal nur der Hälfte aller Benutzer zur Verfügung sehen, was den Markt für eine App halbiert. Oder sie müssen zwei Versionen unterstützen, was doppelten Aufwand bedeutet.

Seit Veröffentlichung von iOS 7 Mitte September sind hingegen schon über 75% aller Benutzer mit iOS 7 unterwegs. Das bedeutet für den Entwickler, dass eine breite Installationsbasis sicher ist. 

iOS Installationsbasis

Quelle: mixpanel

Die nun kostenlosen Tools Keynote, Numbers und Pages wurden über Plattformen hinweg vereinheitlicht und nutzen verstärkt iCloud zur Synchronisation. Apple stellte iCloud-Nutzern zudem eine Browser-Version aller drei Apps zur Verfügung, die nun Kollaboration von mehreren Nutzern erlaubt, Betriebssystem-agnostisch auch unter Linux und Windows nutzbar und von jedem internetfähigen PC aus erreichbar ist. 

Damit positioniert sich Apple stark gegenüber Google und Microsoft. Google bietet zwar ebenfalls mit „Docs“ eine kostenlose Office-Lösung für alle Plattformen an, doch sieht diese gegenüber dem Auftritt von Apple etwas überholt aus und Apple hat entscheidende Vorteile gegenüber Google: Die Programme laufen nativ und nicht im Browser und es gibt keine Werbung.

Microsofts Office auf der anderen Seite bietet wesentlich mehr Funktionsvielfalt als Google Docs und iWork, jedoch hat Redmond die iOS-Plattform komplett verschlafen und sich selbst um einen riesigen Absatzmarkt gebracht. Außerdem  schlägt die Software auf dem Mac mit über hundert Euro für viele Benutzer empfindlich zu Buche.  

Hardware

Aus Liebe zum Pro(-User)

„Can't innovate anymore – my ass!“ 

Phil Schiller (SVP of worldwide marketing Apple 

Das Warten hat ein Ende: Der neue Mac Pro ab Dezember 2013. Viele der technischen Daten waren schon bekannt, es fehlten der Preis und der Veröffentlichungstermin – abgesehen von einer in britischem Akzent vorgetragene Ode an Design und Herstellungsexpertise. Der Mac Pro wird in seiner „kleinsten“ Konfiguration nur 2999€ kosten. „Nur“ deshalb, weil man die Zielgruppe bedenken muss – Poweruser mit den höchsten Ansprüchen an Rechen- und Grafikleistung. Und das liefert der neue Mac Pro, satt: Flash-Speicher, zwei Workstation-Grafikkarten mit OpenGL-Support und jeweils bis zu 3GB Speicher, 4k-Display-Unterstützung, 6 Thunderbolt 2-Ports mit 20Gbps Bandbreite und eine Intel Xeon E5-CPU mit maximal 6 Kernen. Und dabei soll der Pro dank des neuen „Thermal-Core“-Designs so leise sein, wie ein Mac mini. Der Begeisterungsstürme auf der WWDC eingedenk, ist es leicht zu sagen: Der Mac Pro ist definitiv Apples Bekenntnis zur Mac-Plattform als Profi-Werkzeug.

Das neue iPad „Pro“ – nein: Air!

Die spannendsten Hardware-Neuerungen stellen ohne Zweifel das iPad Air und das iPad mini mit Retina Display dar, nicht nur der Technik wegen, sondern auch wegen der Namensgebung.

Das iPad Air wurde 28% leichter und 20% dünner und wiegt jetzt nur noch knapp 470 Gramm. Apple hat es geschafft, den in der Branche ersten 64-Bit-Prozessor „A7“ und den M7-Coprozessor zu verbauen und die Akkulaufzeit trotzdem konstant hoch zu halten. 

Der eigentlich Star der iPad-Präsentation war jedoch das neue iPad mini. Es bietet exakt dieselben technischen Spezifikationen, wie das iPad Air: A7 und M7 und dieselbe Retina-Auflösung wie der etwas größere Bruder: 2048 x 1536 Pixel. Damit kommt das iPad mini mit Retina Display auf eine Pixeldichte von 326 ppi – so hoch, wie kein anderes Tablet dieser Größe auf dem Markt.

Was bedeutet das, wenn das einzige Differenzierungsmerkmal der beiden iPads die Displaygröße ist? 

Es ließe sich eventuell für kommende iPhones ablesen, dass es auch hier mehrere Modelle geben wird. Vielleicht ein Modell mit 5 oder mehr Zoll neben einem Modell mit der jetzigen Bildschirmgröße? Apple hat einen Hang dazu, neue Technologien in einer Produktkategorie zu pionieren und später das Gelernte auf andere Produktgruppen zu übertragen. Siehe zum Beispiel Unibody-Gehäuse und Retina-Displays. Damit würde Apple bei vielen Nutzern, oder jetzigen Nicht-Nutzern, sicher offene Türen einrennen.

Und der Namenszusatz zum Vormals nur „neuen“ iPad? Lässt sich ein iPad „Pro“ denken mit größerer Bilddiagonale und noch stärkerem „Desktop-class“ (Zitat Apple) Prozessor?

Fazit

Schuldig ist uns Apple „Wearables“, wie der „iWatch“, ein TV Set, 4K Thunderbolt Displays und etwas zu Home-Automation geblieben. Doch bevor wir jetzt enttäuscht sind und Apple die Magie und Innovationsfähigkeit absprechen, sollten wir eines bedenken: 4K-Displays sind auch nur inkrementelle Updates, sie sind nur eine Frage der Zeit und des Geldes, das die Konsumenten auszugeben bereit sind. 

Das Apple TV Set ist keine Frage der Technologie, sondern der „go-to-market strategy“, wie Steve Jobs in 2010 auf der D8 sagte. Die Technik existiert längst, doch die „Balkanisierung“ der Anbieter im TV-Markt erschwert den Zugang zum Markt.

Tim Cook hat auf dem earnings call für für Q4 2013 verlauten lassen, dass Ende 2013/2014 eine neue Produktkategorie kommen wird. Das können Wearables sein, vollgepackt mit Sensoren und dank BT LE und iBeacons mit der Fähigkeit, ortsabhängig verschiedenste Funktionen im Bereich Home Automation, Authentifizierung und vielleicht mobile payment zu übernehmen. Schaut man sich an, wie das iPhone dank Mikrolokalisierung und iBeacons schon jetzt spielend ein Apple TV konfiguriert, und die letzten Startup-Einkäufe von Apple bedenkt, dann ist der nächste Schritt nicht weit. Doch was kommen wird, weiß nur Apple und nach der Keynote ist vor der Keynote.